Nie war ich morgens um 10 so betrunken, und das eine Woche lang

Seit letzten Montag wollte ich genau eben diesen Post verfassen, den ihr jetzt gerade lest. Und jeden Abend habe ich keine Zeit gefunden, an jedem neuen Tag war ich froh, weil wieder etwas passiert ist, das noch bloggenswerter war. Nun haben wir Sonntag, und endlich finde ich die Zeit um von einer großartigen Erfahrung zu berichten.

Die letzten sieben Tage habe ich einen Classic Bartending Kurs in einer Barschule gemacht. Und so ein Barkurs bedeut 10 Stunden Übung am Tag, aufgeteilt in 5 Stunden Theorie morgens, und 5 Stunden Praxis am Nachmittag. Bei der Theorie lernt man ziemlich alle Spirituosen kennen, also wie sie hergestellt werden, was ihre Besonderheiten sind, und natürlich wie sie schmecken. Und das heißt nunmal beim Thema Vodka, dass man 10 unterschiedliche Sorten Vodka probiert und riecht. Und danach 20 Rumsorten, gibt ja ziemlich verschiedene! Und bei Whisk(e)y (man unterscheidet hierbei zwischen Scotch, Irish Whiskey, Kanadischer Whisky und 4 Sorten Amerikanischen Whiskey), Tequila, Cachaca, Sherry, Portwein, Rotwein, Weißwein, Bier, Calvados, Cognac, Armagnac, Obstbrand, Tresterbrand, Kräuterlikor, Bitterlikör und Fruchtlikör wirds genauso gemacht! Da kommt schon gut was rum, wenn man von jeder Sorte nur ein kleines Schlückchen probiert.

Nachmittags stand ich dann zum ersten Mal in meinem Leben hinter einer Bar. Was sich anfangs wie das gute alte Kaufladen-Spiel aus der Kindheit anfühlt, entpuppt sich aber schnell als hammerhartes Trainingsgerät. Schon vor dem Kursbeginn wurden die rund 40 Cocktailrezepte zugemailt, aber einen Drink im Kopf aufsagen zu können, und ihn innerhalb schnellster Zeit mixen zu können, sind zwei komplett verschiedene Dinge.

Schnell wurde uns beigebracht, dass ein reines Auswendiglernen praktisch Blödsinn ist, verschlingt zu viel Zeit und ist nicht praxisorientiert. Also wird mit ein wenig Edding, und Papier das eigene Zimmer in eine Papierbar umgewandelt.

Und dann ist da noch das Pouring zum üben. Dabei lernt man exakt einzuschenken. Spezielle Aufsätze auf den Flaschen ermöglichen eine Fließgeschwindigkeit von etwa (!) 1cl/s. Und dann wird geübt: 2cl mit rechts, 1cl mit links, 3cl links und rechts, 7cl rechts usw. Und weil Barmänner (und -frauen auch!) gerne spielen, wird daraus gleich ein Wettbewerb. Last Man Standing, wer die geforderte Menge mit Toleranz von +/- 0,2cl nicht packt, fliegt raus. Wer gewinnt, erhält Preise wie Bacardi-Sonnenbrillen, Giffard-Schürzen, Cuervo-Strohhüten oder Afri-Shirts. Total spaßig und vor allem herausfordernd, sich selbst und ander immer wieder zu übertreffen. Und so vergeht die Woche eigentlich wie im Flug, abends wird geübt, gegriffen und früh schlafen gegangen. Und wenns morgens wieder losgeht, schämt man sich nicht, wenn man in der U-Bahn sitzt und einen Whiskey Sour aus der Luft greift. Schließlich ist man auf dem Weg ein Bartender zu werden!

Donnerstag abend wartete dann ein Riesenschmankerl auf uns: man zieht durch die Bars von München. Im Sausalitos guckt man sich die Franchise-System-Gastronomie an, guckt entsetzt über die Finger der Barkeeper in den Mojitos. Habe übrigens einen Black Russian on the rocks bestellt, was ich dann bekommen hab, war ein White Russian im Longdrink Glas! Tztztz. Weiter in die karibische Cohibar, mit netten Mittelamerikanischen Feeling, ich erhalte aufgrund meiner Drinkwahl den Spitznamen Floredita und wir tanzen alle gemeinsam Salsa Grundschritt. Auf dem nächsten Weg, kommen wir am Mandarin Oriental Hotel vorbei, dem momentan teuersten Hotel Münchens. Unsere Lehrer Mathias und Anna gucken nur kurz durchs Fenster, winken dem Barchef zu und schon marschieren wir kurzerhand rein. In Jeans, und abgewetzten Hemden gehen wir am schick gekleideten Pförtner vorbei, und werden herzhaft vom Barchef begrüßt. Er zeigt uns gleich herum, wo vor dem Rauchverbot die Stammgäste wie Alfons Schubeck ihre Zigarren geraucht haben und dazu sich einen Schluck Maximo Rum (4cl = 158 Euro) gegönnt haben. Nach einem kurzen Schnupperer am Maximo bedanken wir uns, ziehen weiter in den bayrischen Hof, in die Falk Bar, die mitten im denkmalgeschützten Spiegelsaal liegt. Und auch hier wiederholt sich das merkwürdige Spielchen. Hände werden geschüttelt, auch wir Schüler werden herzlich begrüßt, man spendiert uns einen Drink aufs Haus, den Gewinner eines Innovativwettbewerbs unter den Cocktails. Um kurz nach 12, endet dann der Abend, und ich gönne mir eine Taxifahrt nach Hause. Mein Taxifahrer trägt einen Zylinder.

Anna gibts mir den Tip, bei einem potentiellen Vorstellungsgespräch meinen Larp-Bart abzurasieren. Gesagt getan, pünktlich zur Prüfung bin ich wieder einigermaßen ordentlich rasiert. Ihr gefällt das, sie nennt es „Kritik gut umgesetzt“, und sie rundet meine Note auf, da ich beim Pouring Test, doch ein wenig gepatzt habe. Aber im Speedtest war ich sogar richtig gut, 2:20 für insgesamt 4 Cocktails, für mich persönlich ein Riesenverbesserung, das gibt eine Eins. Im Praktischen Teil meiner Prüfung also ein „Exzellent“, top! Nach zahlreichen gelernten Nächten (kann mich nicht erinnern, zu Schulzeiten JEMALS so gelernt zu haben) ist die theoretische Prüfung dann auch nicht mehr schwer. 43 von maximal 44 erreichbaren Punkten schaffe ich, das beste Ergebnis des Kurses, aber ein Mädel war noch besser als ich (hat im Pouring besser gearbeit als ich). Damit bleibt ihr die Ehre zuteil die Siegerflasche Champagner per Säbel zu köpfen. Hammerwoche, und ich hoffe bald meine erlernten Künste anwenden zu dürfen, also denkt dran,mich kann man mieten ;-)

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8 Kommentare

Eingeordnet unter Über mich, Food

8 Antworten zu “Nie war ich morgens um 10 so betrunken, und das eine Woche lang

  1. Danke für den ausführlichen Bericht, jetzt kann ich mir das alles noch besser vorstellen. Und Gratulation – so ein Einsatz lohnt sich :-)

  2. The No1 of Mitbewohners

    Das ist ja krass. Echt schade, dass ich nicht zu Hause war und dich miterleben konnte…

    Aber ich freue mich schon auf deine Erzählungen. Was ich gelesen habe gefällt mir ja echt gut ;-)

    Freut mich total für Dich!

    Liebe Grüße
    Stefan

  3. Danke für Deinen tollen Bericht – wir stellen uns das richtig gut vor!
    Da gratulieren wir doch ganz herzliche und freuen uns auf Deinen Besuch auf dem Berg an der Hexen-Bar…
    Muss gleich mal schauen, dass ich die Basics wieder beschaffe!
    Etwas neidische, aber ganz herzlich weinselige Grüsse aus der Urschweiz.
    Billi & René

  4. Ein toller und sehr interessanter Bericht, danke für’s Mitnehmen in den Barmixer-Kurs.

  5. Sehr cooler Bericht, danke fürs Teilhaben lassen!

  6. Silke

    Dann weiß ich ja, wer am nächsten GT die Bar macht ;-)

  7. Mara

    Super Moritz!!
    Freue mich schon auf das nächste Familientreffen
    mit Drink-Probe.

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