Archiv der Kategorie: Theater

Der Abend davor, und der Morgen danach

Ich mag meinen neuen Stundenplan. Ganz im Ernst! Die Woche montags um 12.15 zu beginnen, und bereits um 13.45 ausklingen zu lassen, das hat was. Natürlich ist das nicht mein einziger Kurs an diesem Tag. Naja „Kurs“ trifft es nicht so ganz. Das abendliche Theaterspielen im Studententheater ist zwar anstrengend, aber als regulären Kurs würde es wohl keiner durchgehen lassen. Nichtsdestotrotz lässt es sich der fleißige Student von heute nicht nehmen, nach getaner Theaterarbeit erstmal in die Stadt zu pilgern, um einen zu heben. Ganz im Sinne der Kunst versteht sich! Darum zog unser munterer Trupp gestern abend in die Bar 13, wo Montags immer Karaoke ist. Welch fabelhafte Gelegenheit dem Lampenfieber zu trotzen, indem man vor versammelter Mannschaft etwas singt. Natürlich kann man sich dabei nicht drücken. Da ich im Stück eine abgeänderte Variante der Evergreen Schnulze „Total Eclipse of the Heart“ singen muss, fiel meine erste Wahl auf eben dieses Stück. Trotz einiger Singversuche in der vollbesetzten PT-Cafete, fühlte ich mich noch nicht vollends im Stande, dieses gewagte Experiment in der Öffentlichkeit durchzuführen (sind wir mal ehrlich, die Philosophie-Theologie-Cafete entspricht nicht im Ansatz den Gesetzen der normalen Öffentlichkeit). Nichtsdestotrotz schrieb ich die Schnulzennummer auf einen Zettel und suchte unterdessen nach einer geeigneteren Performance, bei der ich mich besser präsentieren konnte. Schließlich hat man als Schauspieler auch eine gewisse Art… nennen wir es „dignity“. In einem unachtsamen Moment wurde mir jedoch mein Zettel perfide entwendet und auf schnellstem Wege dem DJ zugespielt. Von da an gab es kein zurück mehr.

Die Beine zittern, der Text sitzt nicht, die Melodie scheint alle 1,8 Sekunden aus meinem Gehirn zu entfleuchen. Immerhin steht die Theatermannschaft gesammelt vor einem und jubelt einem Mut zu. Eine von ihnen sieht meine Nervosität (roch meinen Angstschweiß?) und kommt zu meiner Rettung. Gemeinsam verwandeln wir das Lied zu einem Duett, klauen uns Einsätze, schmeißen die schnulzigen Lyrics durch den Raum, dass es schon fast zu einer Freude wird. Der Auftritt ist schneller vorbei als man denkt, und von da an läuft der Abend wieder in gediegenen Bahnen. Kurze Zeit später ist man einer der letzten am Tisch, die anderen müssen größtenteils ihren universitären Dienst bereits wieder um 8.15 des Folgetags antreten. Da habe ich es doch ein wenig besser, fängt mein erstes und letztes Seminar erst um 18.15 an, satte 10 Stunden später. Mit dem Rad geht es gemütlich durch die leeren und dunklen Straßen der Stadt heimwärts. Zuhause angekommen, checke ich noch kurz das Postfach, schließlich erwarte ich ein Päckchen aus den USA. Und tatsächlich, es befindet sich im Briefkasten. Den nächtlich gekauften Döner in der einen Hand, versuche ich das Gut aus dem Briefkasten, der vielmehr den Namen Briefschlitz verdient, zu extrahieren. Erfolglos. Soll sich der Moritz von morgen darum kümmern.

Der Moritz von morgen, der heute der Moritz von heute ist, verzweifelt. Um meine Bredouille zu verstehen, muss ich vielleicht näher auf den Sachverhalt eingehen: das Päckchen ist 25×20 cm groß, und gerade einmal 1,5 cm hoch. Der Briefschlitz selber müsste in etwa die selbe Maße haben, plus einen Milimeter extra. Wie der vermaledeite Postbote es überhaupt schaffen konnte, das Päckchen einzuwerfen ist mir ein komplettes Rätsel. Zu allem Übel ist die Öffnung, wo ich das Päckchen herausziehen KÖNNTE, einen guten Centimeter schmaler, als das Paket. Wie ich auch ziehe und schiebe, das Päckchen bewegt sich nicht. Mit einer Grillzange bewaffnet, versuche ich auf Knien rutschend, die Sendung herauszuziehen. Erfolglos.

Habe die Grillzange gegen chinesische Essstäbchen und eine Schere eingetauscht. Gerade als ich erste Erfolge zu verzeichnen glaube, fährt der Nachbar vor. (Ich mag ihn nicht sonderlich, nachdem er mich einmal beinahe vom Rad gefahren hat, und er lediglich mich grüßte, statt sich zu entschuldigen.) Ob ich einbrechen wolle fragt er. Ich bin mir nicht sicher, was für Einbrecher er kennt, die mit einer Schere und zwei Esstäbchen den Briefkasten aufbrechen wollen. Aber gut, ich lächle, nicke, und mache mich weiter an mein Werk. 30 Minuten später habe ich den störenden Luftpolsterumschlag weitestgehend entfernt, und dadurch wichtige Milimeter gewonnen. Mit einem Stäbchen als Stütze und einem als Hebel mache ich langsam Fortschritte. Das Objekt der Begierde bewegt sich. Wenige Atemzüge später, halte ich es in der Hand. Die ist vom scharfkantigen Briefkasten aufgeschürft und Hautfetzen hängen an diversen Stellen.

Ich glaube ich mache mich vor meiner nächsten Bestellung mit dem Prinzip der Packstation vertraut.

P.S.: Habe endlich eine Verwendung für meine zahlreichen Uniwälzer gefunden. Glätten nun die Kanten des Posters, das sich gegen seine lange Eingesperrtheit wehrt und hässliche Falten wirft.

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Die Bretter, die die Welt bedeuteten

Es ist hart zu beschreiben, was in mir gerade vor sich geht. Es ist eine Leere, die einen gepackt hält und einen nur schwer loslässt. Aber Stück für Stück werde ich die Melancholie los, die Lustlosigkeit. In den letzten Tagen hat mich ein zuvor nie gekannter Nihilismus gepackt. Nichts machte Spaß, nichts machte Sinn, nichts fesselte mich.

Eine Ära ging zu Ende. Gut, eine Ära die realistisch betrachtet nicht einmal einen vollen Monat ausmachte, und dennoch kam es mir vor wie eine kleine Ewigkeit. Am Dienstag lief die letzte Aufführung des „Hinkemann“, einem Theaterstück von Ernst Toller, aufgeführt durch das Germanistentheater der Universität Regensburg. Einen ganzen Monat lang war man tagein tagaus damit beschäftigt eine Rolle zu verkörpern, die einem alles abverlangt, und gleichzeitig alles gegeben hat.

Und nun ist es vorbei. Es dauerte keine 3 Stunden bis unser zugegeben recht spartanisches Bühnenbild abgebaut war. Schwarzer Teppich weg, Requisiten verstaut, Scheinwerfer abgebaut. Alles was den Tag erfüllt hatte, wurde in Boxen verräumt, in dunkle Keller gesperrt, Textseiten wurden dem Altpapier zugeführt, als hätten sie nie existiert. Und doch geistert das Gespenst des Hinkemanns weiterhin in meinem Kopf umher. Mitten in der Nacht wacht man auf, weil man denkt, man hätte die eine Textpassage vergessen. Man redet in Phrasen, die im Stück so viel Sinn machten, und außerhalb der Bühnenwelt so wenig.

Und doch heißt es nun loslassen. Der Alltag mit seinen fast schon merkwürdigen Ritualen, wie dem regelmäßigen Verzehr von Nahrung, kommt langsam wieder. Die Musik hilft einem dabei. Und doch wird es noch eine ganze Weile dauern, bis man wieder ganz der Alte ist… Wobei, wird das überhaupt je wieder der Fall sein? Unsere Umwelt, unsere Erlebnisse prägen uns, soviel steht fest. Die letzten Wochen waren eine großartige Zeit, die ich ganz bestimmt nicht missen möchte. Aber auch die Zukunft wird wieder glückliche Momente bringen, dessen bin ich mir sicher.

Auf bald, Theater, auf bald.

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