Robinson Crusoe hatte doch keine Ahnung von der Wildnis des 21. Jahrhunderts

Ich krieche auf allen vieren durch die Wohnung. In meinem Schädel dröhnt es, meine Ohren schmerzen. Durchhalten, nur noch wenige Zentimeter trennen mich von meinem geliebten Ziel.

*240 Stunden zuvor* Mein Vermieter, der 95-jährige Herr Auer: „Griasde eana Herr Hoitsopfee. I woit eana nur song, doos am Micka, dän Neintn, do kemmand d’Handwerka. Don homms aba oan Dog koa Bad ned. Vilächt a zwoa.“

*24 Stunden zuvor* Ein Zettel der städtischen Wasser und Stromversorgung hängt am Gebäudeeingang. Dringende Arbeiten erfordern eine Abschaltung des Stromnetzes von 6.00 bis 8.00. Morgen, am Mittwoch den 9.11.

*1 Stunde zuvor* Radle gerade flott in die Einfahrt des Nelkenwegs, sehe schon von weitem den Sanitärwagen. Endlich, schließlich wurde mir die Renovierung meines Bades schon vor zwei Monaten versprochen. Ich grüße gleich mal den Röhrich-Verschnitt. Springe fröhlich die Treppen hoch, es ist 10 nach 8, ich bin ein wenig zu spät für die Handwerker, aber immerhin ist das Stromnetz wieder hochgefahren. Tür aufgeschlossen, Schlüssel auf den Tisch neben die FritzBox werfen. Doch irgendwas stimmt hier nicht… Sie leuchtet nicht. Könnte es etwa sein…? Lichtschalter an, Lichtschalter aus. Nichts tut sich. Ich stürze entsetzt in mein Hauptzimmer, nichts geht, kein Licht, kein PC, keine Stereoanlage. Aus der Nachbarwohnung dröhnt ein Bohrer. Und ich meine nicht diese Akkuschrauber, die man hört, wenn der Nachbar mal wieder ein Billy zusammenbaut. Ich meine die Art von Bohrer, die im Straßenbau verwendet werden, um die Teerdecke aufzureißen. Die Teile, von denen uns die Werbung suggerieren will, dass es echte Männer braucht, um so ein Teil zu bedienen. Und dass es Spaß macht. Warum sollte es sonst ein Angebot bei Jochen Schweizer geben, so ein Teil eine halbe Stunde bedienen zu dürfen?

Wieviel Stunden sind schon vergangen? Es kommt mir vor wie Tage. Ein Blick auf mein neues Smartphone HTC Sensation verrät mir, dass es nichtmal 10 Minuten waren. Kein Internet. Kein Rechner. Kein Fernsehen. Nichtmal die experimentellen Freizeitaktivitäten wie Nähen gehen nicht. Meine Nähmaschine braucht Strom. Der Handwerkermeister hat mir eben eröffnet, dass sie wohl heute nichts mehr in meinem Bad schaffen, außer vielleicht die Dusche abzubauen. Eine Woche lang wird das Bad nicht funktionstüchtig sein. Ausgeschlossen das Klo. Wie sagte ein Text aus der Uni letztens? „Krasse Diskrepanz“ zwischen den Meinungen. Rastlos such ich nach einer Beschäftigung. HTC schalte ich aus. Das saugt eh extrem viel Akkuleistung. Meine PSP behalt ich mir als Notnagel. Mein Cowon D2+ läuft stattdessen durch, versorgt mich mit angenehmer Musik. Dessen Akku ist ein wahres Monster und spielt aufgeladen locker 50+ Stunden. Laptop Akku ist zwar aufgeladen, aber ich nutze ihn lieber noch nicht. Wer weiß, wie lang das hier alles noch dauert. Selbst wenn der Rechner liefe, das Internet wäre trotzdem nicht da. Robinson Crusoe hatte keine Ahnung wie die Wildnis des 21. Jahrhunderts aussieht, aber ich. Keine Leute um einen rum, kein Internet, kein Rechner, kein Fernsehen. Eine eisige Erkenntnis trifft mich. Was wenn der Zettel nicht 6.00 bis 8.00 bedeutete, sondern 6.00 bis 20.00? Ich will gar nicht weiter darüber nachdenken, aber der furchtbare Gedanke lässt mich nicht mehr los.

Ich hab Durst. Ich gehe in die Küche, der Wasserhahn gibt kein Wasser. Die SodaMax Flasche von gestern hat noch ca. einen halben Liter. Nippe vorsichtig daran, bloß nichts verschütten. Blicke in den Kühlschrank. Nix gutes drinnen. Mache geistesabwesend ihn wieder zu, drehe mich um, und halte inne. War das grad ein kühler Lufthauch? War nicht im obersten Fach Licht?? Ich mache auf dem Absatz kehrt, reiße den Kühlschrank auf, und da ist es. Licht. Licht am Ende des Tunnels. Ich prüfe die Kaffeemaschine, die funktioniert ebenfalls. Lichtschalter auch. Ich sprinte zur WLAN Box, aber die zeigt sich immer noch stumm und leblos. Mein Gehirn beginnt zu arbeiten. Ich hab eine Quelle des süßen Nektars des Himmels gefunden. Jetzt musste ich es nur noch umsetzen.

*Zurück im Jetzt* Auf allen Vieren. Schweiß läuft mir die Stirn runter. In der einen Hand ein Verlängerungskabel – eigentlich nur eine Multisteckdose, aber sie erfüllt ihren Zweck – mit der anderen greife ich nach meiner PC Steckerleiste. Ich verbinde die beiden, und sofort höre ich Geräusche des Erfolgs sich unter den Presslufthammerlärm mischen. Der Drucker erwacht zu leben, der Laptop beginnt mit bunten LEDs zu werfen. Ich springe auf, und hämmer den On-Button. Es läuft. Oh mein Gott, ES LÄUFT!!! Die Quer gespannten, in 1,20 Meter hängenden Stromkabel ignoriere ich geflissentlich. Jetzt fehlt nur noch Internet, aber meine Verlängerungskabel sind alle. So knapp vor dem Ziel droht mein Utopia zu scheitern…

Euphorie. Hände in die Luft werfen, sich auf die Schulter klopfen, hier Hände aneinander reiben. Mit Zange bewaffnet hab ich das ehemalige sauber verlegte Waschmaschinenverlängerungskabel aus der Wand gezogen. Lang genug, um meine Y-förmige Stromleitung zu perfektionieren. Alle Kabel führen nach Rom, oder in meinem Fall in die Küche. Zeit über diese schwierige Zeit einen Blogeintrag zu verfassen…

Advertisements

5 Kommentare

Eingeordnet unter Über mich, Computer & Peripherie

5 Antworten zu “Robinson Crusoe hatte doch keine Ahnung von der Wildnis des 21. Jahrhunderts

  1. You made my day! Ich stell mir das alles gerade ganz plastisch vor – du HELD!

  2. Virtuell auf die Schulter klopfend grüsst die Zentralschweiz!
    Danke für die gute Unterhaltung und wir leiden mit Dir!!!

  3. derPapa

    Du wirst Dich kaum erinnern: der Kellerraum, hinten rechts, war noch nicht renoviert. Im Winter haben wir dort Pflanzen überwintert. Die brauchten Licht, was im Keller heißt: Strom! Strom konnte man aus einem Flachkabel nehmen, das später einmal die Sauna versorgen sollte. Das lag, provisorisch zusammengeknotet, hinter der Tür. Also: Lüsterklemme an das Flachkabel. Da hinein eine Mehrfach-Steckdose mit Anschlusskabel, weiß. War zwar zu kurz, konnte man aber verlängern mit einem Stück Kabel, das ich noch in der Schublade liegen hatte, schwarz. Das ging dann bis zu der Hängelampe von IKEA. Die aufgeschraubt und mit 2 Phasen-Kabeln (blau und braun) versehen, die zu einer kleinen Hängelampe führten, die Pflanzen auf einem Nebentisch mit Licht versorgte. Geniale Konstuktion, die allerdings in der Luft hing und quer durch den Raum führte. Was soll ich sagen: Das Licht brannte und das Ganze hat min. 4 Jahre gehalten. Sah aber total Scheiße aus. Komisich, dass ich daran danke, wenn ich Deine Story lese …

    erinnert sich derPapa

  4. Eli

    Nächstes mal filmst das Ganze bitte, ja? ;)

  5. Hihihi, wann fängst du eigentlich einen Job als Kolumnist bei irgendeiner renomierten Zeitung an? Das wärs! Grandios geschrieben, wir sind begeistert. Es winken aus Franggen: Kathi + Marc

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s