U-Bahn Terror in München

Der morgendliche Weg von Bett zu Arbeit hat heute seinen katastrophalen Höhepunkt erreicht. Ich bin es ja inzwischen gewohnt, dass ich aus einem warmen Bett aufstehn muss, im Laufschritt mit ungebügelten Haaren zum Zug jogge, vorher bei der schlecht gelaunten und genauso geschminkten Bäckerin eine Breze kaufe und dann Last Minute in den Regionalzug Alex einsteige und mir drinnen erst ein Ticket kaufe. Nach 1,5 Stunden Zugfahrt, die inzwischen dank Patapon 3 (Test-Blogeintrag folgt demnächst!) viel Spaß machen, bin ich dann in München Hbf. Doch dort geht der wahre Stress meistens erst los. Überfüllte U-/ wie S-Bahnen, Stromausfälle für ganze Tunnelbereiche, so dass durch die Notbeleuchtung das Gefühl entsteht, man stünde in einem Luftschutzbunker und die Allierten bombardieren gleich München. Doch heute nicht:

Es beginnt mit einer ausgefallenen Anzeigetafel, auf der normalerweise steht, welche Bahn wann wo hinfährt. Heute ist darauf nichts zu erkennen. Niemand sprintet wie sonst gewohnt los, weil man ja vielleicht noch die U3 Richtung Olympiazentrum erwischen könnte. Einige gucken verdutzt, den meisten ist es jedoch schon bekannt, dass diese Tafeln Macken haben. Ein paar Schritt weiter sehen wir die U6 im Tunnel bereitstehen. Genau die brauch ich. Ich bin eigentlich kein Fan von diesem Hetzen, und schnell noch in die sich schließenden Türen schmeißen find ich kacke. Also schlender ich gemütlich hin, im Glauben sie fährt eh gleich los.

Stehe vor nun vor der U6, naja, denke ich mir, dann kann ich auch einsteigen. Erste Tür, puh, ziemlich voll, man steht bereits bis zu den Türen. Zweite Tür, dito. Nun bekomme ich schon ein wenig Lust einzusteigen, verfalle in diesen affigen Laufschritt, den alle Großstädtler an den Tag legen, wenn man schneller sein will als gehen, gleichzeitig aber auf keinen Fall schwitzen oder gehetzt aussehen will. An der fünften Tür hab ich Glück, gehe einen halben Schritt in den Zug, ziehe in einer flüssigen Bewegung meinen Rucksack von Rücken, schiebe ihn mit dem Fuß unter einen Stuhl, wo er keinen stört. (*Ironie on*Kaum ist Bin Laden tot stören vermutlich niemanden mehr herrenlose Gepäckstücke, der Terror ist schließlich tot *Ironie off*). Von drinnen sieht man halbsekündig Leute im affigen Laufschrifft vorbeiwuseln. Alle gucken sie in die Türen, alle suchen bessere Stellen.

Eine junges Pärchen hat sich unsere Tür als Ziel auserkoren, fragt laut, ob man noch durchrutschen könne. Man kann. In einer generellen Umwälzung der Leiber, gelingt es mir einen Lehnplatz zu ergattern, den Rucksack zwischen meinen Füßen. Die Bahn steht nun schon seit 5 Minuten, das ist selbst für den Marienplatz lang. Immer noch steigen Leute zu, jedes Mal, denke ich, dass jetzt aber wirklich nicht mehr geht. Es geht noch mehr. Man fragt, ob man durchrutschen könne. Man kann nicht mehr. Die Leute steigen weiter zu. Blick auf die Uhr verrät mir, dass wir schon seit 20 Minuten hier stehen und warten.

Ich nehme mir hier kurz Zeit, um die Situation kurz vor ihrer Lösung zu beschreiben. 5 Zentimeter von meinem Gesucht entfernt, kann ich die Mascara Krümel der etwa 45 Jährigen vor mir einzeln zählen. Auf meinen Chucks steht ein alte Dame, die sich im Sekundentakt für selbiges entschuldigt. Vor meiner Nase streckt ein dicker behaarter und riechender Männerarm nach der Haltestange neben mir. Es ist warm, sehr warm, und die Luft fühlt sich feucht und klebrig an. Könnte ich gerade nicht an etwas lehnen, würde ich vermutlich umkippen. Oder aussteigen. So viele Menschen so dicht gedrängt. Da muss man keine Platzangst zu haben, um sich unwohl zu fühlen. Eine Handtasche drückt sich gegen meinen Schritt, der Beistzer lässt sich in der Menschenmenge nicht ausmachen. Ich versuche die Augen zuzumachen, wünsche mir, ich hätte beide Stöpsel im Ohr, hatte als mein Arm noch den Luxus von Freiheit besaß einen herausgenommen, um Ansagen zu hören. Das macht alles nur noch schlimmer.

Endlich, die Türen schließen sich. Ein kurzes gemeinsames Aufatmen, gefolgt von einem panischen Schrei, als die U6 sich in Bewegung setzt. Viele haben keine Möglichkeit sich festzuhalten, prallen einfach gegen ihren Hintermann, und der wiederum gegen seinen. Die Zeit bis zum Odeonsplatz, geschätzte 40 Sekunden, sind mir noch nie so lang vorgekommen. Normalerweise sei gesagt, dass der Odeonsplatz ein beliebter Umsteigepunkt auf der U6 ist. Heute ist dem nicht so. 3 einzelne verlorene Menschen drücken sich nach draußen, der Platz wird sofort unter den Verbliebenen aufgeteilt. Die Menschenmenge ist wie ein gieriger Käfer der Platz frisst und sich dabei ausdehnt. Ich blicke auf die funktionierende Anzeige.

Die wechselt soeben von U6 Garching auf U6 Olympiazentrum. Ich gucke verdutzt. Die U6 fährt nicht zum OZ. Andere gucken ähnlich. Keine Ansage erklärt, was gerade passiert. Nun wechselt auch die Anzeige in der Bahn. Nun beginnt das große Drücken, dorthin wolle ja schließlich keiner. Ich schließe die Augen erneut, lasse endlose Massen an Menschen passieren. Als ich sie wieder aufschlage, blicke ich in die ganz gewöhnliche U-Bahn an einem Wochentag nach der Rush Hour. Alle Sitzplätze sind belegt, die Lehnplätze ebenso, vereinzelt stehen die Leute. Wäre die Menschentraube auf dem Bahngleich nicht, dachte ich, das wäre ein schlechter Traum gewesen.

An der Münchner Freiheit steige ich aus, der Zug fährt tatsächlich Richtung OZ. Die korrekte U6 fährt gerade ein, alle wechseln brav das Gleis und sind froh, als eine komplett leere Bahn heranrauscht. Schnell sucht sich jeder seinen Sitzplatz und die Weiterfahrt ist entspannt. An der Alten Heide steige ich aus, blicke hinter mich um zu sehen, ob vielleicht ein anderer Praktikant auch durch diesen Trubel jetzt erst gekommen ist. Niemand. Nur die Anzeigetafel. In 45 Minuten kommt erst die nächste. Mich überkommt ein Schauer und beim Betreten der sonnigen Oberflächenwelt hoffe ich, dass die elektronische Störung bis heute abend beseitigt ist.

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Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “U-Bahn Terror in München

  1. Eli

    I ♥ Bayreuth! ;-)
    schön dass es hier nicht so zugeht. Ich muss zugeben- um den Terror mit der Bahn und ähnliche großstädtische Geschehnisse beneide ich dich absolut nicht =)

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