60 Euro Stundenlohn, ein geknacktes Fahrrad, der Kampf Fiat Ducato VS Fiat Panda, und eine Stadt im Dunkeln

Wer denkt, dass die Überschrift schon lang war, kann sich vorstellen, was ich für einen Umzugstag hatte, und dabei hätte alles so einfach sein können.

Die ganze Nacht hatte ich praktisch nicht oder nur schlecht geschlafen. Träume von Möbelpackern die fälschlicherweise die Zimmer von meinen Mitbewohnern ausräumen, dann zurückräumen und dann nicht mehr genügend Zeit für mein Zeug haben. Wache endlich auf, freue mich halbwegs, dass es losgeht. Nach einem schnellen Frühstück gehts runter, ich will mit dem Fahrrad zu Europcar meinen Sprinter-Like-Umzugswagen abholen. Das Fahrrad ist festgekettet und schnell stelle ich fest, dass der Kumpel, dem ich vor einer halben Woche das Fahrrad geliehen habe, immer noch im Besitz des Schlüssels ist. UND in Konstanz. Kein Problem für mich, schließlich habe ich genügend Zeit eingeplant. Pfeifend schreite ich zur Zieladresse. Dort sehe ich nur noch 2 verlassene „Reserviert für Europcar“ Parkplätze und eine weite Baufläche, die früher sicher mal ein Europcar-Center gewesen sein muss. Handy wird gezückt, die Nummer auf der Reservierungsbestätigung wird angerufen, und die Frau am anderen Ende meint verwirrt, wo ich stehe, sind sie schon seit Wochen nicht mehr. Sie sind umgezogen. Ich kenne die Straße bedanke mich, und laufe los. Das Einzige was jetzt noch pfeift, ist mein Atem.

Ich biege in die richtige Straße ein und fange an nach Hausnummern zu suchen, ich muss zur 161. Ich finde die ersten Hausnummern….   1,3,5…  Alles klar, das kann noch dauern, ich fetze los, hoffe auf ein Bus oder ein Taxi in meine Richtung, die Möbelpacker stehn in 15 Minuten vor meiner Haustüre. Taxi erwischt, drücke der Europcarrezeptionistin die 5 Euro Taxigebühr hin, sie bezahlt das Taxi schweigend. Das Auto ist ungewohnt, das Fahren gestaltet sich schwierig, bin froh, als ich vor meiner Haustüre parke und 5 Minuten später die Packer kommen. Ich gehe das Problem Schlüssel-Schloss an. Auf einen Rat meines Mitbewohners versuche ich das Kabel mit einer Beißzange aufzubekommen. Nach 5 Minuten gebe ich entnervt auf. Möbelpacker Mihail, fragt mich ob ich Hilfe brauch. Er hat das Ding mit 4 Knipsern durch. Perfekt. 10 Minuten später sitze ich in der Wohnung gucke den Männern von Powerumzug.de (60 Euro/ h für 2 Mann) zu und trinke einen Kamilletee. 45 Minuten später verabschieden sich die beiden, ich streiche noch kurz einige Flecken in meinem Zimmer und warte auf meinen Vermieter. Und warte. Trinke noch einen Kamillentee, und warte. Nach satten 4 Stunden Verspätung kommt er an, und motzt in gewohnter Manier über die nicht geputzte Innenseite der Heizung. Das sei doch so einfach mit einem feuchten Stoffumwickelten Stöckchen da drinnen sauber zu machen, er mache das ständig bei sich zu Hause. Nehme mit knirschenden Zähnen die Wohnungsübergabepapiere und unterzeichne. Schließlich wollte ich schon seit Stunden los.

Nach einer weiteren Stunde im Stau und 2 regulären Stunden auf der Autobahn, bin ich in Konstanz, hier hole ich den Freund meiner Schwester ab, der mir beim Umzug hilft, und zufällig noch im Besitz des Fahrradschlosschlüssels ist. In der engen Straße wo er wohnt, kommen mir ständig Autos entgegen, mein überbreiter Ducato nervt mich nur noch. Ich will mich nur schnell an den Rand der Straße stellen, und auf ihn warten, da passiert es. KKRRRCCHT. Das ist das Geräusch wenn ein 4-mal so großes Auto einen Fiat Panda schrammt. Rufe die Polizei, habe langsam keine Lust mehr auf das ganze Umzugsgedöns. Es wird bereits langsam dunkel, die Polizei lässt sich nicht blicken, dafür ein Herr der einen leichten Hundeblick hat. Ich erkenne in ihm den Besitzer des Pandas. Er ist ruhig und sachlich, zündet sich einen Zigarillo an. „Er hat nicht mal 700 km aufm Tacho“ und „Naja jetzt ist der Feierabend halt im Arsch“ sorgt er für leicht gedrückte Stimmung. Clemens, mein Umzugshelfer ist inzwischen auch da. Mein Handy klingelt, es ist die Polizei, sie fragen, ob wir das nicht unter uns regeln können, sie haben so viel zu tun. Was wir dann auch machen, schließlich ist die Unfallschuld ganz klar, wenn ein fahrendes Auto ein stehendes Auto schrammt. Der Panda hat eine leicht zerdrückte Schnauze, mein Ducato ist mit einem Kratzer davon gekommen. Wir tauschen Versicherungsdaten aus, er wünscht mir noch einen schönen Start in Konstanz. Diese Ironie.

Grenze. Haben wir etwas zu verzollen? Nein. Ist der Wagen leer? Nein. Na dann sollen wir mal rechts ranfahren. Während ein Zöllner unsere Ausweise prüft, guckt sich ein anderer das Chaos in meinem Umzugswagen an. Er fragt ob ich denn dafür die vorgesehenen Umzugsformulare hätte. Ich verneine, sowas hätte ich nicht ausgefüllt. Irgendwas in meinem kaputten fertigen Blick überzeugt den Zöllner, dass er uns nicht filzen sollte, es sei denn er will meinen Suizid provozieren, er lässt uns durch. Hinter der Grenze sammeln wir noch meine Schwester auf, sie findet wir sehn irgendwie ganzschön gestresst aus. Nach 5 Minuten weiß sie wieso. Nach kurzem Suchen finden wir meine neue Wohnadresse und der Abend wird entspannter. Die beiden kriegen echtes Münchnerisches Augustiner, von dem ich einen ganzen Kasten dabei hatte (der SELBSTVERSTÄNDLICH zu verzollen gewesen wäre -.-). Nach getaner Arbeit fahre ich die beiden über die Grenze (die Zöllner sind bereits weg) zu ihrem Zuhause.

Für mich beginnt die navigationslose Suche nach dem Europcar Center in Konstanz. Die Straße ist schnell gefunden. Ist nur leider grade im totalen Umbau, ich nehme die falsche Baustellenausfahrt, fahre über eine riesige Brücke, bin plötzlich wieder an einem Zoll. Drehe geschickt (*ironie*) um, und versuche die Straße von hinten heran anzufahren. Gelingt mir sogar. Sehe weit und breit kein Europcar Schild, und auch keine Hausnummern an denen ich mich orientieren könnte. Stelle mich gestresst an eine Tankstelle, ich hätte mich total verfranzt, habe keinen Plan von der Stadt und suche das Europcar-Center. Er grinst und deutet auf die gegenüberliegende Straßenseite. Ungläubig gucke ich ihm nach. Sehe nix. Gehe paar Schritte und überlege ob er mich verarscht hat. Seh immer noch nix. Er steht neben mir und deutet auf den Mazda-Händler. Jetzt sehe ich das winzige grüne Schild. Ich danke ihm, setze meinen Wagen auf die andere Seite, fahre dabei ungefähr 3 Meter über eine falsche Einbahnstraße, über einen Zebrastreifen und nochmal 10 Meter auf der falschen Straßenseite. Kein Auto zu sehen, da geht sowas. Parke den Ducato vor der Türe, es fängt an zu nieseln. Packe das Fahrrad hinten raus, schmeiße den Schlüssel in den Briefkasten und tret in die Pedale. Es fängt stärker an zu regnen.

Während ich mit meinem schwachen Fahrradlicht durch die Gegend düse, denk ich drüber nach, dass vielleicht ab jetzt alles gut sein wird, ab jetzt KANN praktisch nichts mehr passieren. Plötzlich vor mir Stufen, ich mit 30 km/h kann nicht mehr stoppen. Jetzt gilts. Fahrrad hochreißen und einen schönen Flug genießen.  Sind Gott sei Dank nur 4 Stufen, die Federung fängt das meiste auf. Mein Hintern den Rest. Grinsend fahr ich weiter, über eine reine Fahrradstraße, macht richtig Spaß. Über den Zoll, die Zöllner sind immer noch nicht da. Durch eine Fahrradunterführung, über einen Kreisverkehr, über einen Kreisverkehr.  Mir fällt ein, dass ich den Weg gar nicht kenne. Radle im Regen solange umher, bis ich plötzlich durch Zufall direkt vor der richtigen Adresse stehe. Und genau in diesem Moment merke ich, hier bin ich ab jetzt zuhause.

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7 Kommentare

Eingeordnet unter Über mich

7 Antworten zu “60 Euro Stundenlohn, ein geknacktes Fahrrad, der Kampf Fiat Ducato VS Fiat Panda, und eine Stadt im Dunkeln

  1. Fotos kommen sobald der Upload wieder funktioniert.

  2. Was für ein Tag. Ich krieg ja noch beim Lesen schlotternde Knie! Ab jetzt kann’s ja nur besser werden ;-)

  3. derPapa

    Wie kannst Du mir die Aufregung dieses Berichts antun! Ich bin schließlich herzkrank! Mörder!

    Nein im Ernst: selten so gelacht (auf Deine Kosten) und eigentlich bin ich granatenmäßig stolz auf Dich. So einen Tag – den muss man erst mal hinter sich bringen. Beim Lesen Deiner Erlebnisse bin ich froh, 59 Jahre alt zu sein und eine ausreichend gefüllte Brieftasche zu haben, die es mir ermöglicht, anderen Leute zu sagen „sodannmachensemal“.

    Herzlich willkommen und einen guten Start in der neuen Heimat wünscht

    derPapa

  4. Oh Mann, passt soviel Grauen wirklich in einen Tag? Einen guten Anfang für dich, es geht aufwärts und Mathe ist toll!

  5. Meine Nerven!
    Ich bin doch tatsächlich ganz kribbelig geworden – und überlege mir gerade, ob Du Dich nicht mit Frani zusammentun solltest, um das Drehbuch eines Tatortes zu schreiben…
    Aber DerPapa schreibt’s richtig:
    Wir sind stolz auf Dich und natürlich darauf, solch‘ unerschrockene Kavalleristen als neue Einwohner der Schweiz begrüssen zu dürfen.
    Alles Gute und einen Superstart
    Billi

  6. Na das nenn ich mal Einstand! Ich habe mitgelitten beim Lesen.. und wünsche einen bedeutend besseren Start in der neuen Stadt!

  7. Anna

    Oh mein Gott, es kann ja nur noch besser werden!! Als Fast-Ganz-Schweizer wirds bestimmt ganz toll!

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