„Eine Frau, der man ein ganzes Buch widmen könnte“…

…das sagte mein Chef zu mir, über die Dame die ich heute zum allerletzten Mal besucht habe.  Ich werde zwar kein Buch über sie schreiben, aber immerhin einen Blogeintrag.

Ich hab die gute Frau A. (voller Name wird nicht genannt, schließlich hat man ja Schweigepflicht) vor knapp einem Jahr kennengelernt, sie wohnt praktisch in meiner Nachbarschaft, nur 15 Minuten zu Fuß entfernt. Sie ist seit 3 Jahren blind, hat einen Idioten als Sohn, der sie einmal im Jahr besucht, und das obwohl er in der selben Stadt wohnt wie sie. Frau A. hat 5 Zivis in der Woche, jeder mit mindestens 4 Stunden Einsatz, das sind auf die Woche gerechnet über 20 Stunden Haushaltshilfe und Einkaufen. Wenn man sich nun überlegt, wie unsere Wohnungen/Häuser/Zimmer aussehen würden, wenn wir 20 Stunden Arbeit investieren würden, käme man zu dem Ergebnis, dass Frau A. in einem Palast wohnen muss. Doch weit gefehlt. Die Wohnung stinkt nach menschlichen Exkrementen, nach Katzenhaar (obwohl ihr krebskranker Kater schon vor einem Jahr an einem blutenden und eiternden Geschwür gestorben ist), nach dem Muff alter Leute und nach Schimmel. Die Erwähnung von Frau A.’s Namen versetzt Zivis in Angst und Ekel. Als ich sie das erste Mal besuchte, lag sie wie eine Leiche auf ihrem Bett, dünn wie ein Skelett (35 Kilo zu Beginn, heute wiegt sie nur noch 30 Kilo), die Wangen eingefallen, auf der Haut Schürfwunden von Stürzen, die immer wieder aus neue sich entzünden. Meine erste Aufgabe war es im Winter, das Fenster zu öffnen, Nüsse aus dem Fenster zu werfen, Sonnenblumenkerne, Wellensittichfutter, Erdnüsse und geölte Rosinen auf dem Fesntersims systematisch zu verteilen. Dann begann Frau A. aus vollem Halse zu krächzen, was sie nicht menschlicher erscheinen lässt.

Ob ich Krähen sehe, fragt sie. Ich verneine aufrichtig. Sie kräht. Fragt erneut. Ich verneine, wünsche mir sie hört damit auf, sie jagt mir ziemliche Angst ein, erinnert mich extremst an den Charakter Agathe aus dem Horror-Adventure „Fahrenheit„. Als sie erneut fragt, lüge ich sie an, es seien welche da, und fräßen die Nüsse. Sie ist zufrieden mit sich und ihrer Krächzerei. Und so begann der Zyklus mit Frau A. Man erzählte ihr, was sie hören wollte, denn wenn sie etwas nicht mag, wird sie agressiv, wütend, launisch und unberechenbar. So hat sie mir beispielsweise einmal mit einem Käse, von dem ich die falsche Marke gekauft hatte, nach mir geworfen, was ihr aufgrund ihrer Blindheit nicht glückte.  Auf meinem ersten Zivitreffen, habe ich mich beschwert, ich wollte nicht mehr zu dieser Frau. In der Raucherpause, sage ich zu einem Kollegen: „Der Kerl, der es bei der A. ein Jahr aushält, ist für mich ein echter Held. Ich bin kein Held, ich pack das nicht mit der…“

Es ist nun ein Jahr später. Ich freue mich inzwischen auf die Donnerstage, nur 4 Stunden Unterricht und dann zu Frau A., das ist witzig. Das Beste an den Donnerstagen war das Gefühl, beim Rausgehen, da hatte man mehr als sonst das Gefühl, man hat was geleistet. Und doch blieb heute das gute Gefühl aus. Nur eine Unmut, sie nun alleine zu lassen. Sie hatte heute immer wieder betont, wie schade es sei, mich verlieren zu müssen, sie hätte mir als einzigen Zivi vertraut. Wir wünschen uns beide ein langes fröhliches Leben, sie noch ein paar Jahre, ich noch viele Jahrzehnte. Frau A. war mein persönlicher Everest, meine Chance sich selbst zu verbessern, und ich habe sie genutzt. Und wenn ich ein wahrer Held bin, dann werde ich sie in wenigen Wochen anrufen, und fragen, ob es ihr gut geht, wenn ich das schaffe, dann bin ich ein wirklich guter Zivi gewesen.

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4 Kommentare

Eingeordnet unter Über mich

4 Antworten zu “„Eine Frau, der man ein ganzes Buch widmen könnte“…

  1. Silke

    Ich bin stolz auf Dich! Und garantiert warst Du ein guter Zivi *liebguck*

  2. Antal

    Schöne Geschichte.

    In jeder Hinsicht.

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